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perspektiven

Die Herausforderungen für Kirche sind groß.

Und da reicht mir schon der Blick auf meine Kirchengemeinde.

Ein Mitgliederschwund, der sich aufgrund der aktuellen Krisen in der Welt und in der kirchlichen Organisation selbst noch verstärken wird.

Immer geringer werdende finanzielle Mittel.

Nicht erst seit Corona weniger Taufen, Trauungen, kirchliche Bestattungen, Jugendliche im Konfirmandenunterricht und Gottesdienstbesucher*innen.

Mitarbeitende inklusive mir selbst, die oftmals weit über ihre gesunden Grenzen hinaus arbeiten, um das kirchliche Leben vor Ort attraktiv zu gestalten und aufrecht zu erhalten.

Hilflosigkeit aufgrund der vielerlei verschiedenen Erwartungen an Kirche, Herausforderungen und Lösungsangeboten.

Zu Beginn meiner Arbeit als Pastor war meine Vision, Kirche zu retten und es gut zu machen.

Andere Uhrzeiten, modernere Lieder und Musik, ansprechende Predigten, mehr Action, was die Gottesdienste anbelangte.

Im Gemeindeleben mehr Gruppen für Kinder bis zu den älteren Menschen.

Ich als Pastor ohne Standesdünkel immer ansprechbar, nahbar, korrekt und authentisch.

Ich konnte und kann damit die Kirche schon mal gar nicht retten.

Und selbst meine Kirchengemeinde nicht.

Unser überhaupt: Vor was retten? Vor dem Schrumpfen? Vor zu wenig Geld? Vor sich selbst? Vor nötigen Veränderungen?

Vor unerwünschten Traditionen? Und welche Kirche? Und was wäre dabei eigentlich das Ziel und die Vision? 

Statt fertiger Antworten sammeln sich in mir Fragen.  Manche präzisieren sich, andere verschwinden.

Wie verhalten sich Kirchenmitgliedschaft und Glaube?

Was sind Kernaufgaben meiner Kirchengemeinde und was nicht?

Was lassen wir?

Was wäre eine Kirche, die sich auf Kasualien, Gottesdienste und deren Begleitung konzentriert?

Was wäre, wenn wir allen Besitz außer unseren Kirchengebäuden veräußern?

Braucht es an Struktur mehr als eine Kirchengemeinde?

Was wären Möglichkeiten für den Zusammenhang Taufe/Kirchenmitgliedschaft/Mitgliedsbeitrag?

Wohin wollen wir als Kirche? Was sind unsere Fragen?

Wie lange machen wir uns noch vor, mit dem Status quo das Ruder herumzureißen?

Braucht Gott unsere Kirche?

Welche Form von Kirche hilft dem Menschsein, dem christlichen Glauben?

Brauchen Menschen Kirche? Und wenn ja, welche Form von Kirche tut den Menschen vor Ort gut?

Was würde unseren Kommunen fehlen, wenn es uns als Kirchengemeinde/mich als Pastor nicht gäbe?

Welche Rolle spielen die Menschen, die gefühlt für uns an den Rändern leben, aber in Wirklichkeit die aus unserer Mitte sind?

Und ich fange an, Einsichten zu formulieren. Manche zaghafter als andere.

Ich versuche, meine Arbeit so zu machen, dass ich als Nichtpastor selbst gerne dabei wäre. Und das ist gar nicht leicht. Manches an Gemeinde, Gottesdienst, Kirche und Gemeinschaft turnt mich echt ab. Anderes finde ich nur hier.  

Oftmals weiß ich nicht gut genug, was Menschen außerhalb der kirchlichen Kerngemeinde umtreibt.

Was tut ihnen im Gottesdienst gut? Andere Formen, mehr Musik, andere Themen, mehr Stille oder mehr Action?

Was erwarten sie sonst von mir? Offenes Ohr, aktives Nachfragen, Hilfe im Alltag, in Ruhe gelassen zu werden?

Ich bin kein Kirchenretter.

Strukturfragen müssen geklärt werden. Das braucht Zeit und Ressourcen. Das darf nicht dazu führen, dass wir uns vor allem um uns selbst drehen und für unseren Auftrag und das Da-sein im Klimawandel, bei der Suche nach einer gerechteren Welt und für den Nächsten keinen Blick mehr haben.

Ich achte meine Grenzen. Die Arbeit ist groß und die Erwartungen an mich als Pfarrperson ebenfalls. Ich falle nicht darauf herein, durch noch mehr oder effizientere Arbeit das Ruder herumreißen zu können. Und ich versuche, vorzuleben, wie man so befreit gut und engagiert arbeiten kann ohne sich verheizen (zu lassen).

Ich mache meine Arbeit nicht deswegen gut, um Menschen zu einer Mitgliedschaft zu überreden.

Ich zeige etwas von meinem Glauben und meiner Vorstellung von Kirche vor dem Hintergrund von Bibel und dem Bekenntnis meiner evangelischen Kirche. Ich habe dabei nicht den Anspruch, alleine die Wahrheit zu wissen und vollkommen zu sein.

Ich mache in meiner Arbeit immer mehr das, was mir Spaß macht und orientiere mich immer weniger daran, was halt immer so war oder für nette Presse sorgt.

Die Themen für Predigt und Glauben liegen auf der Straße. Doch wann bin ich auf der Straße?

Ich unterstütze Menschen, ihre Standortbestimmung bzgl. Gott, Glauben und Kirche zu finden.

Einen Kircheneintritt wie auch einen Austritt bewerte ich nicht aus dem Blick persönlichen Erfolges oder Misserfolges.

Vielmehr respektiere und achte ich den Menschen mit seiner Geschichte und in seiner Freiheit.

Ich bin überzeugt, dass meine Authentizität, ob in Glaube oder Zweifel, und meine Freude andere neugierig machen, sich selbst auf den Weg zu begeben.

Ich arbeite am besten mit einer großen und verlässlichen Kontaktfläche. Zu denen, die sich engagieren. Und zu den anderen, die gerne unter den Tisch fallen.

Zu große organisatorische Distanz und fehlende Präsenz vor Ort erlebe ich als erschwerend. Darum arbeite ich gerne exemplarisch und großflächiger durch Projekte. Die Zeit und Energie schaffe ich mir, indem ich anderes weglasse. 

Ich erkenne an, dass ich nicht für jede*n der passende Pastor bin und ich es nicht allen recht machen muss/kann. Ich bin wie alle ein Teil des Ganzen und verdiene nicht mehr Anerkennung und Vertrauen als andere.

Die Kirche als Gemeinde und Gebäude ist nicht meine alleinige Spielwiese, sondern Raum für alle. Ich freue mich an Menschen, die anders leben und glauben als ich. Von ihnen lerne ich.

Ich stehe ein für eine Kirche, die die Menschenwürde achtet und niemanden diskriminiert, die Menschen fördert und nicht nach Vorurteilen und Äußerem aburteilt. Kirche muss ein "safe space" sein und ich tue alles, um körperlichen und geistigen Missbrauch zu verhindern.

In Zeiten großer Veränderungen will ich die Strukturen von Kirche nicht bewahren. Ich bin bereit, meinen Anteil zu leisten, ihre aktuelle Form bei der Veränderung zu begleiten, auch wenn es für mich Umstellung und Nachteile bedeutet.

Ich bin nicht mit meinem Beruf und meiner Gemeinde verheiratet. Und bin gerade deswegen in aller Freiheit super gerne Pastor.

Ich bin auf dem Weg...